Montag, 7. Juli 2008

Nachtrag zur Recherche in Wien - jetzt aus Paris :)

Napoleon regte noch an, eine vierte Brücke über die Seine zu schlagen, die Pont d’Iena. Nach der Bauzeit von sieben Jahren (1806-13) waren die Ecole militaire und Chaillot direkt miteinander verbunden. Nach dem Einzug der siegreichen Alliierten konnte der Kommandant der preußischen Armee Blücher u. A. von Zar Alexander davon überzeugt werden, die Brücke nicht zu sprengen – sie wurde umbenannt, um den Willen der Preußen zu respektieren.
Der Pont St. Michel wurde in den zwei Jahren von 1806-08 von Häusern und Buden, die als „parasitär“ beschrieben wurden, „gesäubert“.
Ein schon bekannter Aspekt, nämlich das mittelalterliche Wesen der Stadt Paris bis ins 19. Jahrhundert, war beiderseits der Seine besonders ausgeprägt. Weiters wird beschrieben, dass die Ufer von Barken der Wäscherinnen gesäumt waren und Stapelplätze für Massengüter auffällig waren. Heute kaum vorstellbar prägten aber eine Unzahl an Mühlen, die an der Seite sowie mitten im Fluß verankert waren, um die Strömung besser zu nutzen, das Bild. Die Binnenschifffahrt durfte zu Zeiten Napoleons jedoch schon eine große Bedeutung gehabt haben, denn in seinem „Exposé de la situation de l’Empire“ ordnete er die „Befreiung“ aller Hindernisse an, die die Schifffahrt auf der Höhe von Paris praktisch unmöglich machte. Allerdings wurde dieses Programm insofern nur teilweise erfüllt, als dass zwar zahlreiche Mühlen verschwanden, die beiden Haupthindernisse, die Pompe de Samaritaine und die Pompe Notre-Dame, blieben erhalten, um die Trinkwasserversorgung der Stadt Paris nicht zu gefährden.
Die von Zeitgenossen mit dem Begriff Embellissements verbundenen Prachtstraßen, Neubauten oder Renovierungen bereits vorhandener Palais und Gebäude, die Errichtungen von Denkmalen war die eine Seite der umfassenden Baumaßnahmen.

Überschwemmungen/Hochwasser

Die Ufer der Seine waren bis ins frühe 19. Jahrhundert unbefestigt. Die natürlichen Hochwasser überschwemmten daher in regelmäßigen Abständen ganze Stadtviertel. Besonders wird der Winter 1801/02 hervorgehoben – es wird von den schlimmsten Überschwemmungen berichtet, die Paris seit 1740 erlebt hatte: Teile des Champs-Elysées, die Place de Grève, an einigen Stellen die Rue de Faubourg Saint-Honoré, die Rue de Faubourg Saint-Antoine und die Place Maubert lagen unter Wasser.
Das Ausmaß dieser Überschwemmung lieferte nun Napoleon ein praktisches Argument, um einen seiner zahlreichen Pläne zu realisieren. Aus ästhetischen Gründen hegte er schon länger Erwägungen, die Seine durch hohe Quai-Mauern zu „bändigen“. Am 2. Juli 1802 veranlasste er den Bau des Quai d’Orsay zwischen dem Pont National (Royal) und dem Pont de la Révolution (de la Concorde). Bis 1813 wurde an beiden Ufern der Seine Quais in einer Länge von drei Kilometern angelegt.

„Geben Sie seinen Einwohnern Wasser!“ – diese Antwort erteilte angeblich der Innenminister an den Ersten Consul während eines Spazierganges, bei dem er „etwas Großes, etwas Nützliches für Paris unternehmen wollte. – Baumaßnahmen und deren öffentlicher Nutzen hegte Napoleon in großen Plänen für Paris – obwohl nur zu einem geringen Teil verwirklicht.
Die Wasserversorgung wird als „Hauptproblem“ von Paris beschrieben. Wieder wird darauf hingewiesen, dass die zahlreichen Brunnen in Privathäusern und wenig ergiebige Quellen in Arcueil, Belleville und Prè-Saint-Gervais nicht ausreichten und die Einwohner der Hauptstadt ihr Trinkwasser von der Seine bezogen. Die Qualität wurde von Zeitzeugen erneut hoch gelobt, Klage wurde aber über das unzureichende Angebot geführt. Bei 56 öffentliche Brunnen im gesamten Stadtgebiet, die von vier Wasserpumpen versorgt wurden, war dieser Zustand nahe liegend. Zwei dieser Pumpen waren von „ehrwürdigem“ Alter und „entsprechend geringer“ Leistung gekennzeichnet: Die schon erwähnte Pompe de la Samaritaine (seit 1608 in Betrieb) und die von Notre-Dame (seit 1680 in Betrieb). Die beiden anderen Pumpen stellten die von den ebenfalls schon erwähnten Brüdern Périer bei Challot und Gros-Caillou dar, die das linke Seineufer mit Wasser versorgten.
Diesem Problem widmete sich Napoleon nun insofern, als dass er ein Memorandum (1806) diktierte:
Erstens sei das Ziel, dass ab dem 1. Mai d. J. die 56 Pariser Brunnen „Tag und Nacht“ fließen und „man dann damit aufhört, Wasser zu verkaufen“. Jeder solle sich soviel davon nehmen können wie er will. Zweites Ziel war die Instandsetzung von weiteren Brunnen „sobald wie möglich“, um Wasser zu liefern. Zwei Monate später (1. Juli) ordnete ein kaiserliches Dekret weiters an, dass „das Wasser in allen Brunnen von Paris derart reichlich fließt, dass nicht nur den Bedürfnissen der Allgemeinheit und den besonderen Anforderungen der Gewerbe Genüge getan wird, sonder dass man damit auch die Atmosphäre erfrischen und die Straßen reinigen kann.
Kaiserlicher Wille und Realität drifteten jedoch (noch) zeitlich auseinander: Eine Annäherung erfolgte erst sechs Jahre später (März 1812), als der Kanal de l’Ourcq, das große Trinkwasserreservoir bei La Villette, die für die Verteilung des Wassers notwendigen Aquädukte und Hauptleitungen sowie die Wasserpumpe des Château-d’Eau fertig gestellt wurden.
Doch allein der Bau dieses Kanals zum 96 Kilometer entfernten Flüsschen Ourcq „verschlang die seinerzeit phantastische Summe von 38 Millionen Francs“.
Kritische Stimmen zur substantiellen Verbesserung der Wasserversorgung von Paris ertönten von Petit-Radel: Er sah die Moral in Gefahr, da der Wasserüberfluss in Rom zunächst „den Brauch und dann den Missbrauch der Bäder verursachte. (…) Wird die Bequemlichkeit, sich zu Hause mit Wasser zu versorgen, nicht auch bei uns zu einem Verfall der Sitten führen (…)?“
Tatsächlich wurde erste während der Juli-Monarchie in einigen wenigen damals neu errichteten Luxuswohnungen „l’eau à l’etage“ üblich.
Als wichtige zentrale geographische Konstante wird die Seine als Dreh- und Angelpunkt für die Standortbestimmung der Pariser Bahnhöfe gewählt: die sechs im Entstehen begriffenen Bahnhöfe (zwischen 1830 und 1848) sollte möglichst beiderseits der Seine angelegt und errichtet werden.
In diese Zeit fällt auch eine weitere Sanierung und Regenerierung des Stadtzentrums: Sowohl der Ausbau der Boulevards zum Stadtrand als auch die weitere Errichtung von Seine-Brücken mit Mautpflicht waren in Planung.

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Castelot, André: Die großen Stunden von Paris, Wien 1961, S. 171-172, S. 178-179, S. 302, S. 306.

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