weiterführende Gedanken zur Semiotik

Nach einem nochmaligen Spaziergang, frei nach dem Motto „kein Schritt ist vergebens“, möchte ich zum gestrig geschriebenen Blogeintrag noch ein paar Zusätze anfügen:

Zu meiner These, dass der Champs-Elysée von der Achse der Macht, die die Seine symbolisiert, nur eine kleine Abweichung, aber keinen Bruch darstellt, sind mir beim örtlichen Erkunden einige neue, vielleicht andere Gedanken gekommen.
Als „Sonnenkönig“, der sich direkt auf Gott berufen konnte und die Autorität und Wichtigkeit in Person darstellte (und darstellen wollte), verließ Ludwig XIV, unter dem die Prachtstraße Champs-Elysées zu bauen begonnen wurde, vielleicht ganz bestimmt diese bis dahin „natürliche“ Achse der Macht. Der Legitimation „was am Ufer der Seine steht ist mächtig und wichtig“ setzte er sich dadurch entgegen und Beging definitiv einen Bruch in der herkömmlichen Geschichte. Durch die Platzierung des Arc de Triophe Etoile Napoleons setzte dieser diese „neue“ Entwicklung fort. Das passt sehr gut zum gesamten historischen Erscheinungsbild dieser beiden Männer, denn immerhin kann man ihnen nicht absprechen, durch ihre Taten einen Bruch der Geschichte herbeigeführt zu haben. Warum sollte es dann nicht auch in ihrer Hauptstadt diese Muster der Veränderung und des Bruches geben? Die frühere Legitimation durch die Seine ersetzten Ludwig XIV und Napoleon durch eine Legitimation durch sich selbst, im historischen wie im architektonischen Sinne, letzteren eben an Paris gezeigt.
Als Ironie der Geschichte kann man wiederum ansehen, dass „die Pariser“ und Franzosen im Allgemeinen nach den Innen- und Außenpolitischen Krisen von 1815 bis 1960 (Aufstand 1830, Revolution 1848, Dt.-Frz. Krieg 1870/71, Erster WK 1914-1918, Zweiter WK 1939-1945, Algerinkrieg 1954-1960) „zur Ruhe“ kommen wollten, und als äußeres Zeichen das „neue futuristische“ Viertel La Defence zur Seine zurückkehren ließen.

Mein Fußweg führte mich vom Pont de Caroussel bis zum Pont Alexandre III, und dabei fiel mir auf, dass die Brücken für die Schifffahrt an der unteren Grenze der internationalen Durchfahrtshöhe, welche ca. 8 Meter beträgt, liegen. Diese Beobachtung verglich ich mit der Tatsache, dass das höchste, in Paris gemessene und überlieferte Hochwasser etwas über 8 Meter über dem Normalwasserstand betrug. Somit stellt sich die Frage nach einer neuerlichen Überschwemmung Paris nicht wirklich, denn Stege und Schiffsanlegestellen würden zwar weggeschwemmt werden, der Stadt allerdings entstehe keinerlei Gefahr. Der Wasserhöhenunterschied, den die Schiffsanlegestellen heute standhalten können, liegt bei 2,5 Meter. Daher schließe ich, dass die Gefahr eines Hochwassers heutzutage von nur geringer Bedeutung ist und der Wasserstand „im Griff“ gehabt wird.
Warum ich die Seine im gestrigen Eintrag als Rinnsal bezeichnet habe, liegt daran, dass, die Breite der Donau bei Wien, oder in meinem Falle bei Tulln, zwischen 370 und 450 Meter Beträgt. Als ich heute am Passerelle Solferino, welcher vor kurzem in Passerelle Léopold Sédar Senghor umbenannt wurde, die Seine überquerte, betrug die abgeschrittene Entfernung 75 Meter. So ist die ehemalige wirtschaftliche Lebensader, die Paris versorgte, nun von den Größenverhältnissen doch nicht so beeindruckend wie der zweitlängste Strom Europas 
Doch soll die Seine im richtigen Licht erscheinen. Denn als Achse der Macht bzw. als Bruchlinie kommt ihr die bauliche Grundkonstante der Stadt Paris zu, an der sich eine Stadt bzw. ein ganzes Land nach außen und nach innen hin widerspiegelt und repräsentiert, und da Paris wohl als eine der bedeutendsten (wenn nicht „die“ bedeutendste) Stadt Kontinentaleuropas gelten kann, gilt die Seine zurecht als Baumeisterin dieser Stadt.
Schmale - 13. Jul, 13:21

Schmale

Die beiden letzten Blogeinträge stellen, wie ich finde, sehr gelungene Synthesen Ihrer Vorarbeiten, Balades und Gedanken dar. Sehr dicht und konzis geschrieben, auch sehr flüssig zu lesen (manchmal Schreibfehler, evtl. noch ausbessern). Es sind sehr gute Deutungen der Seine enthalten, die nachvollziehbar sind.
Wie gestern beim Rundgang andiskutiert, wäre es möglich, die weiteren Seineufer mit der Maison de la Radio de France, evtl. der dritten Insel mit dem kleinen Modell der Freiheitsstatue und schließlich der Bürohochhäuser verschiedener Firmen noch anzusprechen - wie auch in der östlichen Richtung das Institut du Monde arabe und die Bibliothèque nationale.

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