Weiteres über die Seine und Paris

Weiter Forschungsergebnisse:

Das Pariser Becken als geologische Formation hat als wichtigstes Merkmal eine wasserdurchlässige Kreideschicht. Nun war jedoch die Wasserversorgung der Stadt über Jahrhunderte äußerst unzulänglich: Quellen waren keine vorhanden, und so musste die Stadtbevölkerung ihr Trink- und Brauchwasser aus der Seine beziehen. Entweder direkt aus dem Fluß, oder Grundwasserbrunnen nahe des Flusses. Diese waren jedoch oftmals nahezu die Hälfte des Jahres trocken, sonst wurden sie von Seine-Wasser gespeist. Von den Brunnen oder direkt von der Seine musste das Wasser eimerweise in die Haushaltungen geschaffen werden. Für Einwohner mit bescheidenem Luxus erledigten dies Wasserträger, welche ca. 12-15 000 Personen umfassten.
1781 wurde die Compagnie des Eaux de Paris gegründet, eine Aktiengesellschaft, die in der Nähe von Chaillot zwei von Dampfmaschinen betriebene Wasserpumpen installierten, die von groben Schmutzpartikel gereinigtes Seine-Wasser durch ein Leitungsnetz bis in die Haushalte lieferte. Dieses Trinkwasser kostete 50 Livres p.A. – eine Summe, die sich nur wenige Haushaltungen leisten konnten. Für die Comapagnie war es jedoch trotzdem ein wirtschaftlicher Erfolg. Die „Hygieniker“ des 18. Jahrhunderts beunruhigte die Verschmutzung des Seine-Wassers ironischerweise keineswegs – die Ursachen der schlechte Luft konnte durch den Wassermangel nicht vereitelt werden. Der kausale Zusammenhang zwischen Trinkwasserqualität und den im 19. Jahrhundert in Paris wiederholt auftretenden Cholera-Epidemien wurde erst 1892 entdeckt.
Abfall- und Abwasserbeseitigung gehen mit der Wasserversorgung Hand in Hand: Strenge Strafen bedrohten jene, die den Inhalt der zu jedem Haus gehörenden Latrinen und Sickergruben in das städtische Entwässerungssystem einleitete. – In der Praxis wurde jedoch gegen alle diese Vorschriften verstoßen. Selbst die Latrinen waren in äußerst schlechtem Zustand: ihr fäkalischer Inhalt sickerte in nahe gelegen Grundwasserbrunnen, aus denen zB. die Bäcker ihr Wasser schöpften. Städtische Abwasserkanäle und Rinnsteine, der größte war der Égout Tourgot, beförderten „diese schreckliche Masse“ bis zur Seine, deren Ufer sie verseuchten, an denen die Wasserträger ihre Eimer voll schöpften, das die „unempfindlichen Pariser“ dann zu trinken gezwungen waren. 1.)
Diese Schilderungen findet man im Kapitel „Die allmähliche Entdeckung der Hygiene“. Allerdings ist diese „Hygiene“ von nur einer kleinen Anzahl an Personen als solches identifizierbar und wurde noch gänzlich anders interpretiert als nach 1900.
Im Kapitel „Paris als Hauptstadt Europas 1800-1815“ – „Neue Verwaltung und alte Zustände“ wird städtebaulich über ein chaotisches Durcheinander geschrieben, in der das Zentrum der Cité als völlig verbaut und verwinkelt dargestellt wird. Am linken Seine-Ufer befindet sich das von Gärten umgebene Stadtpalais, am rechten Ufer dicht gedrängte Häuser zwischen Fluß und inneren Boulevards. 2.)
Auch in der Napoleonischen Zeit fiel die Seine in den Blickpunkt des Feldherren und Kaisers.
Um aus diesem baulichen Chaos einen Kosmos, also Ordnung, zu machen, hatte Napoleon sich nun zum Ziel gesetzt, Paris ganz in der Tradition des 18. Jahrhunderts mit „Emellissements“, mit Verschönerungen, zu dotieren. So musste ihm als erstes die Seine ins Auge fallen. Sie war der bedeutendster Verkehrsweg der Stadt, im wahrsten Sinne des Wortes ihre Lebensader, auf der alle wichtigen Güter in großen Mengen herangeschafft wurden und aus deren Fluten die Pariser ihr Trinkwasser bezogen. Der Fluß stellte aber auch gleichzeitig das größte Verkehrshindernis dar, weil zu wenige Brücken existierten, die mit Ausnahme der Pont-Neuf den Anforderungen nicht mehr genügten – der Verkehr wurde immer reger, es wurden drei neue Brücken geplant und sollten innerhalb von 18 Monaten fertig gestellt sein: zwischen dem Jardin des Plantes und dem Arsenal entstand die Pont d’Austerlitz, zwischen der Ile de la Cité und der Ile Saint-Louis die Pont Saint-Louis und zwischen dem Louvre und dem Collège des Quatre-Nations die Pont des Arts (letztere nur für Fußgänger).
Die Literatur besagt weiters, was auch heute immer noch problematisch ist – quasi eine Ironie der Geschichte: die anbefohlene Hast im Bau sowie die Vorfinanzierung durch private Aktiengesellschaften, die dann für 25 Jahre einen Brückenzoll erheben durften, hatten zur Folge, dass sich die Brückenkonstruktionen der Pont Saint-Louis als unsolide darstellte und trotz nachträglicher Verstärkung das Passieren von Wagenfuhren untersagen musste. Erst 1819 (während der Restauration) wurde die Brücke neu gebaut und der Verkehrsengpass behoben.
Die Pont des Artes hingegen erwies sich als Erfolg: die erste Eisenbrückenkonstruktion in Frankreich wurde Ende September 1803 fertig gestellt, 64000 Personen kamen zur Eröffnung und im Schnitt benutzten 11 000 Personen täglich gegen Bezahlung von einem Sou die Brücke.
Der Pont de Jardin/Pont d’Austerlitz hatte die größte verkehrstechnische Bedeutung: Die direkte Verbindung zwischen Faubourgs Saint-Antoine und Saint-Marcel. Probleme bei der Finanzierung wie beim Bau verzögerten jedoch den Fertigstellung, sodass erst im Herbst 1804 begonnen werden konnte und am 1. Jänner 1806 die Brücke dem Verkehr übergeben werden konnte. 3.)
Weitere Beschreibungen von Brücken und der Bedeutung der Seine folgen im nächsten Beitrag. Sicherlich sehr bald!

1)Willems, Johannes: Paris. Hauptstadt Europas 1789 – 1914, München 1988, Seite 34-36.
2)Willems, Paris, 1988, Seite 163.
3)Willems, Paris, 1988, Seite 169-170.
Schmale - 12. Jun, 11:10

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